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Aug 10

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Ten Years After – eine Filmschau

Es ist ja manchmal schon komisch, wenn man sich Filme nach Ewigkeiten wieder anschaut. Sehr oft ist man vollkommen enttäuscht und man fragt sich, was man an diesem Machwerk denn mal gefunden hat. Etliche Streifen dieser Kategorie sind nunmehr in den Giftschränken der Sammlung verschwunden oder gar ganz ausgesondert. Daher überwiegt das eine oder andere Mal eine gewisse Scheu, einen einstmals gemochten Film nochmals zu sehen, in der Sorge, das ehemals als Meisterwerk Empfundene entpuppt sich als das, was man befürchtet: Größtmöglicher Mist, eine Geschmacksverirrung sondergleichen.

Wenn man dann aber doch ab und an mit zitternden Fingern mal wieder ein Filmchen hervorkramt, das man vor knapp zehn Jahren erstmals sah und damals mit großer Geste in seiner Datenbank mit der Note 1 bezeichnete, eine Ehre, die nur knapp zwanzig Filmen zukommen durfte, – ja dann ist die Spannung besonders groß. Dieses Mal handelte es sich um David Lynchs “Blue Velvet” – ja, ja, ich sehe schon das allgegenwärtige Kopfschütteln vor mir, das wäre doch per se ein Meisterwerk, das würde ja der größte Banause bemerken und das könne nur ein Wirrkopf schlecht finden. Aber gerade die Masse irrt bekanntlich am meisten – oder würde jemand ersthaft bestreiten, dass Star Wars nicht mehr ist als aufgeblaser Mist, den komischerweise alle so gut finden, dass eine einschlägige iPhone-App zigtausendmal runtergeladen wird…

Zurück aber zu Lynch, der in letzter Zeit eher durch komische Meditations-Bekehrungs-Sekten-Aktivitäten wie durch gescheite Filme im Gespräch war. Und man wird nicht enttäuscht, sofort wird man in den Bann gezogen von dieser unglaublichen Anfangsszene, dieser Idylle, in die mit leichter Hand und Ironie das Bizarre  und Verstörende einbricht. Sofort wird man erinnert an Bunuels “Un Chien Andalou”, doch Lynch erschöpft sich nicht im Filmzitat, sondern findet eine ganz eigene Linie, um das Fassadenhafte des American-Dream-Vorstadtleben durchscheinen zu lassen, ohne seine Figuren und Schauplätze zu verraten. Zuerst ist man erstaunt über die unglaublich hölzernen Dialoge zwischen Jeffrey und Sandy, doch erkennt bald, dass die schlicht ein Teil des Entlarvungsspiels sind und nicht etwa Einfallslosigkeit. Die erste Erinnerung, die trügte, dachte man doch die ganzen Jahre, Sandy wäre ganz OK. Nun entdeckt man aber, dass Sandy einfach nur unglaublich furchtbar ist (ebenso wie ihre Darstellung durch Laura Dern, die auch später nicht gerade durch Talent auffiel) und ist erstaunt, dass es gerade diese Spießigkeit ist, die Jeffrey dann letztendlich doch anzieht. Zweite Korrektur also: Jeffrey ist langweiliger und uninteressanter als man dachte.

Beruhigend aber, dass man seine Meinung zu Dennis Hoppers Frank nicht zu revidieren braucht, auch wenn diese Rolle etwas von seiner Faszination eingebüßt hat – aber hier ist es wohl so, dass die erste Begegnung mit Frank Booth eben die verstörendste ist. Vielmehr sind es hier die Details, die einem viel eher ins Auge fallen, der unglaubliche Monolog, den Frank hält und in dem er seine Liebesbotschaft aus der Kanone ankündigt – ob Lynch wohl Klaus Theweleits “Männerphantasien” kennt? Unvermittelt drängen sich auch Ernst Jüngers Schilderungen der phallischen Geschütze, die ihre Geschosse aus Stahl auf die als weiblich konnotierten Feinde speien, ins Gedächtnis, der Zusammenhang von faschistoidem Männlichkeitswahn und Impotenz ist wohl auch bei Frank nicht ganz abwegig. Da fällt es eigentlich kaum ins Gewicht, dass die Ungesetzlichkeiten, die Frank neben seinen Gewaltexzessen betreibt, eine geradezu alberne Drehbuchverlegenheit sind.

Die faszinierende Erkenntnis ist aber, dass man gar nicht bemerkte, wie gut Isabella Rossellini denn in ihrer Rolle als Dorothy Vallens ist. Damals fand man sie einfach nur gut, beim Wiedersehen des Filmes bemerkt man aber, was für eine außerordentliche Darstellung sie da hinlegt. Zu diesem Zeitpunkt spielte sie gerade mal in ein paar wenigen unbedeutenden Filmchen mit, was sie aber als Dorothy abliefert, ist beachtlich. Stellenweise ist es beinahe schmerzhaft, mit welcher Intensität sie die Demütigung und Gebrochenheit der Figur plastisch erfahrbar macht, wie sich das schöne Fotomodell Rossellini in diese zerstörte Dorothy verwandelt, deren ganze Verzweiflung mit wenigen Bewegungen und Gesten klar macht. Dabei ist es weniger die Szene, in der sie nackt Jeffrey entgegenkommt, sondern diese beinahe unerträgliche Vergewaltigungsszene und deren Exposition, in der jedes Detail das Ausgeliefertsein offenbart.

Das Ende hingegen ist wieder eher konventionell, die beiden blassesten Figuren finden zusammen, Dorothy ist scheinbar in der Normalität angekommen. Schade eigentlich, etwas mehr Brüche in der Idylle hätten da auch nicht geschadet. Dann kann man also beruhigt die DVD wieder zurück ins Regal räumen und die nächsten zehn Jahre abwarten…

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2 Kommentare

  1. filex

    Ich bin der Meinung, dass man David Lynchs Werk „Blue Velvet“ nicht überbewerten sollte. Letztlich geht es, wie Sie richtig bemerken, um die übliche Geschichte, dass sich hinter Idyllen Abgründe verbergen. Dieses Unheimliche und Verborgene wird schließlich durch die im Gras versteckten Krabbeltiere symbolisiert, die durch entsprechende Tonuntermalung in etwas Abscheuliches verwandelt werden.

    (Nebenbei bemerkt: Bunuels “Un Chien Andalou” ist tatsächlich beachtlich.)

    „Es gibt keine Unschuld“. Alle, die im Film wirklich zu Wort kommen, machen sich auf die eine oder andere Weise schuldig, ob nun durch Hausfriedensbruch, Voyeurismus, Untreue, Bandenkriminalität oder Korruption.

    Ist Ihnen schon aufgefallen, dass zu Beginn einige Schulkinder unterwegs sind und auch der Vater von einem Kind entdeckt wird, während im Laufe des weiteren Films keine Kinder mehr zu sehen sind? Selbst Dorothys Sohn lässt sich nur hinter der Tür erahnen. Da Kinder traditionell für Unschuld stehen, ist dies konsequent und klischeehaft zugleich. Erst am Ende kehrt die Unschuld in Form von Dorothys Kind zurück, nachdem der hübsche Klischeevogel den hässlichen Klischeekäfer verspeist hat.

    Ja, die Vergewaltigungsszene schockiert in der Tat, man kann sich aber auch fragen, wieso es Lynch nicht schafft, diese Verzweiflung und dieses Ausgeliefertsein auf subtilere Art darzustellen. Er braucht dazu einen zugedröhnten Samtfetischisten, der – um auch allen klar zu machen, dass er der Böse ist und um eventuell von den verhältnismäßig kleinen Verbrechen der anderen Akteure abzulenken – in jedem zweiten Satz fünfmal das Wort „f…“ benutzt, von Kinderliedern emotional berührt wird, mitten auf der Fahrbahn rast, sich mit Lippenstift verschönt, Masken trägt und Leichen kunstvoll im Raum drapiert. (Die Liste ließe sich noch fortsetzen.) Dennis Hopper gibt als Frank somit das perfekte Klischee eines Psychopathen ab. Das gelingt ihm gut, lässt er uns doch aufatmen, dass wir eigentlich ganz normal sind. Vielleicht wären hier die kleineren Gesten aber auch von Vorteil gewesen.

    Fazit: Blue Velvet erzählt eine alte Geschichte. Das Klischee Idylle wird durch verstörende Bilder auseinander genommen und in ein Horrorszenario verwandelt, das in diesem Fall durch teils plakative Überzeichnung selbst wieder klischeehaft wirkt.

    Somit wird letztlich auch der Film zu einem Klischee.

    Unabhängig von meiner eigenen subjektiven Meinung finde ich Ihren Blog aber ausgesprochen gelungen, auch was die Schilderung der Ten-Years-After-Erfahrung und Ihre blumige und zugleich fundierte Art des Schreibens betrifft. Machen Sie weiter so!

    Freundliche Grüße

  2. omnikultur

    Das hast du aber schön beschrieben, diese Film-Wiederraushol-Erfahrung. Allerdings habe ich die Vergewaltigungsszene irgendwie anders empfunden… aber das bin dann wohl ich. Und ja, Rossellini ist tatsächlich großartig, ach, und der Soundtrack!! :)) “A candy coloured clown they called a Sandman…” *seufz* Ich hatte schon Angst, jetzt käme ein Verriss… da bin ich aber glücklich, dass dem nicht so ist.
    Es grüßt ganz lieb in die Nacht,
    Caro

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