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Frauentausch. Ein Phänomen.

Wir bekommen vermeintliche Einblicke in Haushalte, dreckige, ordentliche, verrückte, zusammengewürfelte, patriarchale, matriarchale (Wieso kennt open offices Rechtschreibprüfung patriarchal, aber nicht matriarchal?), konventionelle, riesengroße, multikulturelle, spannende, erschreckende, tote und so weiter und so fort. Das Spektrum ist riesig und die Akzente werden gesetzt.

„Wir fegen nicht. Wir saugen!“
Thema Nummer 1 in allen Familien: Sauberkeit. Thema 2 lautet Rauchen. Nicht selten Thema Nummer 3: Ernährung. Und fast hätt ichs vergessen: Erziehung!

Man will sich therapieren. Jedes Familienkonzept ist anders, aber alle Mitglieder sind vom jeweils eigenen überzeugt. Wir sehen, wie man einander belehrt, zu überzeugen versucht, wertet, abwertet und diffamiert.Annäherungsversuche sind selten, Verständigung ebenfalls. Jeder Standpunkt wird in einem intensiven Penisvergleich umkämpft. Die Eigenwahrnehmung des eigenen ist jedoch leicht verfälscht.

10 Tage scheinen lang genug zu sein, um einander in einer solch verkrampften Kampfsituation psychisch zu zermürben. Bis einer weint, bis einer fast wieder heimwärts zieht, denn zuhause, so lautet das Fazit fast jedes Mal, ist’s am besten.

Und was wollen wir sehen?
So richtig interessant wird es nur, wenn die Gegensätze sich diametral entgegenstehen, nahezu unvereinbar sind. Dann wird gemotzt, geschrien und geweint. Die Kamera kommt kaum noch mit, alles wackelt, ist nah. Und wir sitzen vorm Fernseher und schütteln den Kopf. Innerlich grinsen wir breit und warten auf Eskalation. Wir sind empört, ergreifen Partei. Wir antizipieren und fühlen.

Frauentausch ist nichts, was man liebt, sammelt oder behütet. Es ist wie das meiste, das man im Fernsehen sieht, ein Aufregerformat:
The TV Show We Love To Hate.

3 Comments

  1. trfe trfe

    Wenn ich das noch wüsste…

    Das mit neoliberaler Meinungsmache war ja als Frage formuliert.

    Es werden Familien am unteren Rand der Gesellschaft gezeigt. Und an sie wird appelliert, sich selbst aus ihrer Situation zu befreien, indem ihnen eine Familie in einer besseren Situation gezeigt wird.

    Liberal formuliert: Du bist deines eigenen Glückes Schmied. Milieutheorien, Einfluss von Peergroups, etc. bleibt da außen vor.

    Und jeder vor dem Fernseher denkt so etwas, wie “Diese Assis finanzier ich über meine Abgaben”.

    Dabei ist es ja die nächste Frage, ob es in der heutigen Zeit wirklich für jeden eine Arbeit geben kann, auch für Geringqualifizierte, Unmotivierte.

    Also kurz: Die Solidarität wird durch solche Sendungen nicht gerade gefördert und die Gesellschaft kälter?

    🙂

  2. omnikultur omnikultur

    Ob RTL2 den Anspruch hat “Volkserziehung” zu betreiben, kann ich dir nicht sagen. Dass man, sprich zuschauer therapiert werden kann, kann und will ich nicht glauben. Der gemeine Zuschauer als solcher 😉 wird ja nun mal meistens unterschätzt. So einfach läuft das glaube ich nicht.

    Naja… und das klingt jetzt vielleicht platt, aber Sauberkeit, Ernährung und Erziehung sind tatsächlich wichtige Themen. Die werden hier wie überall anders auch immer wieder angesprochen. …nur auf andere Weise, zugegebenermaßen auf eine ziemlich ausbeuterische Weise.

    Und was meinst du mit neoliberaler Meinungsmache?

  3. trfe trfe

    Vielleicht will man nicht sich therapieren, sondern dich, den Fernsehzuschauer. 🙂

    Sauberkeit, Ernährung, Erziehung – RTL2 ist ein neuer Weg zur “Volkserziehung”, der vielleicht sogar die (gewünschte?) Zielgruppe von Hartz-IV-Beziehern erreicht?

    Neoliberale Meinungsmache über das Fernsehen?

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