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Salzburger Festspiele 2009. Eine erste unvollständige Kritik.

Es ist mein 4. Mail bei den Festspielen dieses Jahr. Ich habe die Jahre in Opern gezählt: 2005 „Die Zauberflöte“, 2006 „Don Giovanni“, 2008 „Othello“ und „Romeo et Juliette“, dieses Jahr dann „Cosi fan tutte“, eine modernere Inszenierung, die dennoch auf großen Zuspruch stoßen konnte. Bei der Premiere hat es stehende Ovationen gegeben. Und auch ich war begeistert. Mozarts Oper war skandalös zu Lebzeiten des Komponisten. Und obwohl sie es heute nicht mehr ist, enthält sie bei näherer Betrachtung noch immer einen beunruhigend wahren Kern. „Cosi fan tutte“, das bedeutet in etwa „So machen es alle“ und gemeint ist letztlich das Betrügen des Partners, zumindest im Kopf oder sollte ich sagen im Fleische? Es geht um die Natürlichkeit menschlicher Bedürfnisse, um die Austauschbarkeit des Partners, darum, dass es so etwas wie bedingungslose und permanente Treue nicht geben kann und dass viele der hingebungsvollen Floskeln, die man einander ehrlich gemeint schwört, nur Schall und Rauch sind. Der Stoff ist noch immer brisant, wenn man sich klar macht, was das bedeutet. Monogamie und Romantik sind allgemein anerkannte edle Ziele, auf deren Grundlage Familien- und Gemeinschaftsmodelle, letztlich auch der Staat basieren. Wie auch immer, die Oper hat mehr zu denken gegeben, als ich erwartet hatte.

Dann etwas Neues. Das „Young Directors Project“ bietet unbekannten Regisseuren die Möglichkeit bemerkt zu werden. Und so durfte ich 2009 an einem Sonntagabend in einem 40 Räume fassenden „Hotel“ barfuß in einem Einzelzimmer liegen, Fragen über mich selbst beantworten und im hoch oben an der Decke angebrachten Spiegel mich selbst und alle anderen „Hotelbewohner“ beobachten. Man liest mir meine mit allen anderen vermischte Geschichte vor, ich lausche und höre im Zimmer links von mir jemanden an der Wand entlang streichen. Das Licht geht aus, ein Taschenlampenumzug läuft singend durch die Flure und sammelt uns nacheinander ein. Man füttert uns mit süßen Bällchen, Poffertjes, wie sich im Nachhinein herausstellt. Dann zurück im Zimmer. Allein. Das Gelesene zeigt, wie wenig wir voneinander wissen. Was bewegt meinen Nachbarn? Wer ist er? Braucht er mich? Dann spielt einer auf dem Bett Gitarre, ein Mädchen kommt herein, flüstert: „Bleib!“, kramt eine Decke hervor, deckt mich zu und kriecht unter mein Bett. Ich fühle mich wohl, behaglich, umsorgt. Als sie geht, weine ich fast vor Ergriffenheit. Ein Nachtlicht, auf dem mein Name steht, leuchtet mir.

Nicht jeder versteht oder will vielmehr verstehen, was diese Art Theater bedeuten kann, wobei es vor allem auf das Verstehenwollen ankommt und den jeweiligen Anspruch, den man an Kultur hat. Will ich unterhalten werden, bewundern können oder nachdenken müssen? Will ich veränderbar, bewegbar sein oder Schönheit konsumieren, ohne dabei Schaden zu nehmen?
Immer schon kommt mir Salzburg wie Schaulaufen vor, bei dem das Vor und Nach der Oper wichtiger ist als die Aufführung selbst. Ganz stimmt das so jedoch nicht. Man interessiert sich, man applaudiert lautstark und ist beeindruckt: „Das der sich diese ganzen Noten/ diesen ganzen Text merken konnte… Wahnsinn!“ Leistung wird bewundert. Leistung aber ist in der Kultur ja eine ganz subtile Sache. Ohne Weiteres ist die musikalische Leistung eines Mozarts beeindruckend. Wie aber steht es um einen Béla Bartok, dessen Komposition ebenso schwierig, eher schwieriger ist als Mozart, dessen Stücke aber weder ins Ohr gehen, noch „schön“ bezeichnet werden können? Genau diese Schönheit, die oft nicht mehr als Banalität bedeutet, ist es, die man in Salzburg schätzt. Ebenso banal sind die dick geschminkten Eulen, deren ledrige Körperfalten aus dem tief ausgeschnittenen Kleid blitzen. Das Altern verleugnen und kaschieren, „schön“ sein. Und eben diese „Schönheit“ auch verlangen vom Theater, der Oper, dem Konzert. Mitdenken, umdenken nicht inklusive, denn der Preis, dem man hier bezahlt, entbindet von Pflichten jeglicher Art.

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