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Happy Hippo

Ich schlafe einfach nicht mehr. Nagut, natürlich schlafe ich, gerade genug, um nicht den Verstand zu verlieren. Und selbst das ist maßlos übertrieben, aber es klingt so schön dramatisch. Nachts wandle ich zwischen Bett, Wohnzimmercouch und Arbeitszimmercouch umher, liege sie nacheinander warm und ziehe dann weiter. Schlussendlich bleibe ich auf der Arbeitszimmercouch – dieses Zimmer hat nämlich an zwei Wänden Fenster, wodurch ein nettes Lüftchen entsteht und der Lärm von der Straße ist hier auch etwas milder. Und wenn es gar nicht anders geht, kann ich hier auch alle Fenster schließen. Ich alleine verbrauche nicht genug Sauerstoff und strahle nicht genug Wärme ab, um das größte Zimmer über Nacht in den quälenden Höllenschlund zu verwandeln, mit dem ich seit dem Katechismus-Unterricht sowieso fest rechne. Der Mann hingegen atmet für drei und erzeugt ein solches Übermaß an Körperwärme, als bekäme er am nächsten Morgen ein Bienchen dafür. Das Schlafzimmer – der Startpunkt meiner Odyssee und logisches Ziel eines sich schließenden Kreises – bleibt also passé, weswegen ich dann im Arbeitszimmer bleibe.

Ich gebe zu, dass mich die Schlaflosigkeit an sich gar nicht stört. Die Nacht ist frei von den ständigen Erwartungen und Bewertungen, die die Welt und die Menschen darin gerne an einem ausprobieren. Man existiert einfach, die Gedanken schweifen frei umher und damit hat sich’s. Es tut gut nichts zu müssen und auch nichts zu wollen.

Gestern wurde ich gefragt, was Glück für mich bedeutet und wann ich am glücklichsten bin*. Auf die erste Frage fiel mir spontan eine ganze Litanei ein, die alles umfasst, was es an sinnlich, mental und emotional erfahrbaren Großartigkeiten so gibt und das ist eine ganze Menge: Essen, Kleidung, Wetter, Wohnung, Krankenversicherung, das Grundgesetz, Arbeit, Familie, Liebe, Freundschaft, Farben, Musik, mein Verstand, Sightseeing, Smartphones, Museen, Instagram, Humor, Reisen, Sneakers, Netflix, Natur, Spaziergänge, verstanden werden, Sprache und Kommunikation, Technik, Architektur, Kultur, Bilder, Gesundheit, gute Bettwäsche, Ideen und Kreativität, meine Armbanduhr, Haushaltsgeräte, GPS, Forschung und Wissenschaft, Mitgefühl, gute Mieter, gute Vermieter, Demokratie, Feminismus, bezahlte Elternzeit, unbegrenzte Krankentage, der Generationenvertrag und das Solidaritätsprinzip, Internet, Tee, hübsche Tontassen, Literatur und Kunst, Hunde, Leidenschaft – die Liste ist schier endlos und jeder Tag ist voll davon. Das Leben hier in Mitteleuropa ist zutiefst in Ordnung und manchmal ärgert mich der aktuelle öffentliche Diskurs mit dem immer ähnlichen Leitmotiv: Wir haben nicht genug, ergo können wir auch nichts geben. Ob ein Mensch, der sich mutig und um seines Lebens willen auf den Weg in die Fremde macht, nicht auch ein Maß an Resilienz und sonstigen persönlichen Ressourcen anzubieten hat, von der unsere kompetitive Gesellschaftsform profitieren könnte, ist eine Frage, die dabei häufig nicht gestellt wird. Dazu müsste man sich aus dem Geisteszustand der Krise entfernen und sich dem Thema sachlich widmen und das wiederum geht nur schwer, wenn man denkt und fühlt, man sei arm dran. Nun denn.

Die Müdigkeit am Tage nach diesen schlaflosen Nächten ist hingegen etwas lästig, so dass ich über die zweite Frage – wann ich am glücklichsten bin – ein andermal nachdenken möchte. Der Superlativ fordert nämlich dazu heraus, die Quintesseenz und den geimeinsamen Nenner aller Glücksmomente zu benennen und darauf habe ich jetzt keine Lust.

 

* Für eine Ausstellung, die demnächst im Rathaus stattfinden soll und Einsendungen zu den Fragen „Was bedeutet Glück für dich?“ und „Wann bist du am glücklichsten?“ ausstellen wird.

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