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Zeitgeist

Come gather ’round people wherever you roam
And admit that the waters around you have grown
And accept it that soon you’ll be drenched to the bone
If your time to you is worth savin’
Then you better start swimmin’ or you’ll sink like a stone
For the times they are a-changin’
Bob Dylan

 

Die Tomaten haben alle anderen Pflanzen getötet. Sie fingen an als winzig kleine Setzlinge und nach nur zwei Wochen im Beet sind sie förmlich explodiert. Ich weiß, dass Menschen Tomatenpflanzen auch im Topf auf ihren Balkonen halten, ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen und frage mich, wie das um Himmels Willen möglich sein soll? Meine Tomaten haben sich gegen mich verschworen. Sie haben nur darauf gelauert, dass ich einmal blinzele, um sich Salat, Rote Bete, Paprika, Rauke und alle Kräuter einzuverleiben. Die Tomate hat all das unter sich begraben. Nur die Gurke war sicher, die steht nämlich frei und nicht im Beet, aber die hat jetzt Mehltau. Daran ist sicher auch die Tomate schuld, sie hat die Gurke infiziert. Den Beerenbüschen geht es auch nicht so gut, trocken und fruchtlos lassen sie die Köpfe hängen – wahrscheinlich haben die Tomaten sich durch die Wände des Hochbeets in das Erdreich gegraben und machen den Beerenbüschen das Leben zur Qual.

Die Tomate hat gewonnen. Sie wächst und wächst und hat längst die Grenzen des Hochbeets gesprengt und klettert allmählich das steile Stück Garten hoch. Die Gurke gebe ich aber nicht auf. Die Gurke sprühe ich jeden Tag mit einer Milch-Wasser-Lösung ein und ich bilde mir ein, dass die gute Bio-Milch von Bauern aus der Region schon kleine Wunder gewirkt hat, denn so langsam zieht sich der graue Schleier von den Blättern zurück lässt das satte Grün wieder durchscheinen.

Ich mag Tomaten gar nicht so sehr, ich glaube sogar, dass ich allergisch gegen sie bin. Weil jedes Mal, wenn ich die Tomatenpflanzen anfasse (meine eigenen oder auch die Rispen im Supermarkt), dann kribbelt und juckt es unangenehm auf der Haut und ich kann gar nicht aufhören zu kratzen. Die Früchte hingegen tun mir nichts, die kann ich ohne merkliche Nebenwirkungen essen. Naja, schmecken tun sie mir auch und ich koche schon total oft mit Tomaten, aber nach meinem Lieblingsgemüse gefragt, würde ich jetzt nicht ganz enthusiastisch Tomaten! sagen. Wahrscheinlich würde ich vorher ganz viele andere Dinge aufzählen: Rauke, Spinat, Rosenkohl (echt jetzt), Mais, Gurken, rote Beete, Oliven, Zwiebeln… Vielleicht ist das das Problem. Die Tomate fühlt sich stiefmütterlich behandelt und deshalb zieht sie gegen mich in den Krieg. Wenn ich sie so anschaue habe ich direkt etwas Mitgefühl. Sie trägt schon sehr viele Früchte und sie tut ja auch nur, was sie am besten kann, aber ich kann nicht anders: Ich mag sie nicht. Ich mag sie einfach nicht. Sie hat meine ganze Ordnung durcheinandergebracht und sie hat mein restliches Gemüse einfach getötet. Mein Beet war so schön ordentlich und sortiert, ich war sogar kurz davor, an einem Wettbewerb für Urban Gardening teilzunehmen, habe ich aber nicht gemacht und jetzt ist es zu spät. Die Tomate hat also gewonnen, soviel steht fest. Aber nicht für lange – im Spätherbst werde ich alle Pflanzen abernten, auspflanzen, kleinschneiden und auf den Kompost schmeißen. Das wird ein Fest! Darauf freue ich mich jetzt schon und dann werden wir ja sehen, wer den Kürzeren zieht. Natürlich werde ich Handschuhe tragen, falls nötig trage ich sogar eine ganze Rüstung. Aber fallen wird sie, das ist sicher. Ich werde alle Register ziehen. Und das Beste: Im nächsten Jahr werde ich den Kompost nehmen und damit das Beet für neue Pflanzen bereiten. Bessere Pflanzen, gefügigere Pflanzen, schönere Pflanzen. Pflanzen, die mir den nötigen Respekt entgegenbringen. Pflanzen, die es zu schätzen wissen, wie gut es ihnen hier geht. Pflanzen, die sich benehmen können und sich in den Bahnen bewegen können, die ich für sie geschaffen habe. Mit Sicherheit keine Tomaten, die Tomaten-Ära ist Geschichte. Also bald, in 8 Wochen oder so. Dann ist erstmal Ruhe im Beet. Nächstes Jahr wird ein fantastisches Gartenjahr und bis dahin kann ich warten. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich der geduldigste Mensch auf der Welt bin und dass ich alles mit Ruhe und Gelassenheit weise und besonnen aussitzen und friedlich auf die beste Lösung hinarbeiten kann.

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