Zurück zum Content

Verglühen – Eine Näherung in viereinhalb Akten

I.

Es liegt wohl an der Energiespeicherkapazität, dass manche Stoffe unter Einwirkung großer Hitze jegliche innere Kohärenz verlieren und augenblicklich ihre stabile Festigkeit zugunsten eines staubigen Gewands austauschen – während andere in einem langwierigen Prozess stetigen Verfalls bei mehr oder minder konstanter Wärmeabgabe sich schließlich auch demselben Schicksal ergeben.

 

II.

Liebes Tagebuch,

neulich hab ich Pommes gemacht. Die geilen fetten, nicht die dünnen trockenen. Man weiß immer nicht so recht, wann die Dinger fertig sind, weil die Ofentür so getönt ist und die Pommes auch gefroren schon goldgelb aussehen. Da muss man halt hin und wieder reinfassen und eine rausfischen. Gedacht getan und prompt verbrenne ich mir dabei die Hand am Rost über dem Pommesblech. Ich hätte den Rost auch rausnehmen können, aber die Küche ist so klein, da liegt dann ewig der Rost irgendwo rum und ich wollte noch Salat schneiden, dafür braucht man so viel Platz, den man nicht hat, wenn der Rost da rumliegt und dann tänzelt man auf zig Bühnen, weil der blöde Rost die größte besetzt. Naja, so schlimm wehgetan hat es gar nicht, nur eine kleine Stelle am Handrücken, die sofort rot wurde und nach ein paar Tagen ist sie jetzt eher so braun und rau. Seltsam eigentlich, dass die Stelle noch eine ganze Weile warm bleibt. Als wär die Haut aus kleinen Briketts. Muss wohl am Kohlenstoff liegen…hmmm…unwahrscheinlich. Die Haut heilt ja und zerfällt nicht zu Staub. Oder nee, doch. Die kaputte Haut fällt ab und neue wächst nach. Zartrosa und ganz weich. Oder? Ach egal, ich hab Hunger.

 

III.

Nichts berührt sich jemals wirklich. Man streift sich vielleicht, findet Gemeinsamkeiten. Doch um Schmauchspuren zu vermeiden, bleibt’s bei Flüchtigkeiten.

 

IV.

Flüchtig blickte Kate hinter sich, vorbei an den Marktständen voller Frischwaren und rohem Fleisch. Sie hatte es eilig, ihre Herrin duldete keine Verspätung beim Essen, erst recht nicht, wenn der Herr so zeitig erwartet wurde. Die Herrin hatte einen Ruf zu verlieren, ihr Gemahl ließ es sie unangenehm spüren, wenn sie ihr Personal nicht im Griff hatte. Aber das konnte Kate nur ahnen, wenn die Dame des Hauses tags darauf nur mit gesenktem Haupt durch die bedrückend leeren Zimmer schritt.

Hinter ihr wurde der Tumult immer lauter und immer mehr Menschen drängten sich an ihr vorbei. Sie hatte Mühe, die richtigen Taler aus dem Beutel zu fischen und gab es schließlich auf. Im Gehen versteckte sie das Diebesgut unter ihrem Kittel, der Verkäufer war viel zu sehr mit der Menschenmasse beschäftigt, um auf sie zu achten. Sie würde das Geld irgendwo verstecken müssen – vielleicht in der Scheune beim Pferdefutter – um sich an ihrem nächsten freien Tag in vier oder fünf Wochen etwas Nettes zu leisten.

Sie hatte keine Vorstellung, wie spät es schon war und ihre Mutter hatte sie schon als kleines Mädchen wegen ihrer Neugier gescholten, aber sie konnte einfach nicht widerstehen und schloss sich der nun tobenden Menge an.

„Verbrennt sie, verbrennt sie! Brennen soll die Hexe!“, schrie die Menge, mal mehr mal weniger synchron. Frauen mit schreienden Kindern an den Händen oder festgezurrt auf ihren geplagten Buckeln, Männer mit Ackergerät und eben noch spielende Jungs mit nunmehr baumelnden Steinschleudern mit hochroten Köpfen und verschwitzten Haaren schrien sich wild mit den Armen wedelnd die Kehle aus dem Leib.

Ein gemeinsamer Feind lässt alle Hobbyfehden vergessen, dachte Kate und drückte sich unter großer Anstrengung an allen vorbei. In der ersten Reihe angekommen blickte sie auf den kleinen Platz inmitten des Marktes, an dem früher der Brunnen gestanden hatte. Heute benutzten die Großhändler von außerhalb diesen Platz um ihre wundersamen Dinge aus der Stadt an das Personal des Dorfadels zu verkaufen. Heute aber fand dort ein eher seltenes Schauspiel statt.

 

*

 

Als sie ihre Augen öffnete, wusste sie, dass sie gleich sterben würde. Sie spürte die grob gedrehten Seile um ihre Hüften, Arme und Knöchel und versuchte erst gar nicht, sich zu bewegen. Sie kannte das Szenario sehr gut, oft schon hatte sie es aus sicherer Ferne beobachtet und gebetet, jemand oder etwas möge dem Einhalt gebieten. Aber nichts geschah und so würde auch heute nichts geschehen. Ihr Körper war ein einziger pulsierender Schmerz, durch die langen Locken ihres regungslos herabhängenden Schädels konnte sie ihre nackten Füße sehen und erinnerte sich nur vage daran, wie sie vor nicht allzu langer Zeit noch um ihr Leben gerannt waren.

Als sie das nächste Mal die Augen öffnete, sah sie zum letzten Mal und schrie ihren letzten Atem in die Menge.

 

Gib als erster einen Kommentar ab

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.