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Wow! What a Ride!

Mein Broterwerb ist recht stressig. Ich werde im Schnitt alle 90 Sekunden unterbrochen, der Lärmpegel ist regulär eher hoch und die Anforderungen variieren sehr stark. Während ich im Hintergrund an einem Projekt für das Sozialministerium arbeite, an dem wesentlich mehr Geld hängt, als ich in einem Jahr brutto verdiene, stehe ich im Vordergrund am Kopierer und kopiere plaudernd der netten Dame neben mir Schnittmuster für Baby’s nächstes Faschingskostüm. Dazwischen konzipiere ich hübsche Drucksachen und layoute sie anschließend auch selbst, weil meine Azubis einfach zu langsam und unkonzentriert sind, um effektiv zu sein. Wenn ich mir in unserer improvisierten Küche einen Kaffee hole, dann hole ich nicht nur einen Kaffee. Auf dem Weg dorthin (5 Schritte) verwandele ich mich unbeabsichtigt in die diensthabende Therapeutin Schrägstrich Mutter und ich weiß bis heute nicht (nach fast 7 Jahren), wie das eigentlich passiert. Manchmal gehe ich einfach mit dem Fluss und dann werden Weltbilder, Lebenslagen und Symptome sondiert. Da schlackern mir mitunter die Ohren. Die Essenz ist regelmäßig, dass das Leben hart und ungerecht ist und jemand anderes daran Schuld trägt. Gelegentlich lasse ich mich auch darauf ein und rege eine positivere Sichtweise gepaart mit freudvoller Eigenverantwortung an, höre zu, tröste und erzähle aus dem Nähkästchen. Aber nur, wenn mir wirklich danach ist. In letzter Zeit sage ich daher häufiger etwas wie: „Heute reden wir mal einen ganzen Tag lang nicht darüber, wie schlecht es dir geht.“ Da bin ich gnadenlos, es geht nicht anders. Nach einigen Jahren auf dem Tacho weiß man, den eigenen Einfluss auf das Leben anderer nicht zu überschätzen und mit den persönlichen Ressourcen sparsam umzugehen – schließlich werde ich auch nicht für die Küchentherapie bezahlt, sondern für schwarze Zahlen und dazu gehört, die Unternehmensziele zu priorisieren.

Am Ende des Tages bin ich jedenfalls müde und das ist problematisch, weil es so viele Dinge gibt, die ich neben der Arbeit noch tun möchte. Lesen, schreiben, wandern, schreiben, neue Rezepte probieren, schreiben, neue Sportarten probieren, schreiben, fotografieren, schreiben, reisen, schreiben, eine Fortbildung machen, schreiben, noch ein Instrument lernen, schreiben, eine andere Sprache lernen, schreiben, ins Kino gehen, schreiben, ins Museum gehen, schreiben. Ach ja, und schreiben. Das hat mir mal richtig Spaß gemacht, aber gerade fühlt es sich an wie Lateinvokabeln lernen. Und so liest es sich auch.

Das ist nicht weiter schlimm, das habe ich ein wenig verdient, schließlich habe ich diese Sache, die ich gerne mache, eine ganze Weile lang vernachlässigt und wie sagt man so schön: Use it or lose it. Fest steht jedenfalls, dass ich etwas ändern muss, wenn ich weiterhin ein gesundes Verhältnis zu meiner Arbeit haben will und sie nicht als Lebensdieb verabscheuen möchte.

Und einige Dinge kann ich sofort ändern: Erstens kann ich mich damit abfinden, dass der Sonntag kein Tag für das Nichtstun ist. Fertig. Eigentlich bin ich dafür auch gar nicht gebaut und ich weiß auch nicht mehr, woher dieser innere Druck plötzlich kam, der Entspannung am Sonntag durch Nichtstun hinterherhetzen zu müssen. Das steigert die Erwartung an diesen Tag ins Unermessliche, weil jede Kleinigkeit, jedes Nicht-Nichtstun einem die Tour versaut und meistens ist der Sonntag dann dadurch auch scheiße. Damit kann jetzt sofort Schluss sein, wodurch – paradoxerweise – der Sonntag plötzlich stressfreier wird.

Zweitens kann ich einfach so und ohne weiter auf irgendwas warten zu müssen werktags weniger fernsehen. Was das bringen soll weiß ich noch nicht, aber ich weiß, dass ich in Zeiten medialen Mangels früher oder später ganz natürlich Lust auf irgendeine Aktivität entwickelt habe und ich vertraue einfach darauf, dass sich das nicht geändert hat. Die Müdigkeit nach einem Arbeitstag wird durch fernsehen schlussendlich auch nicht weniger, steigert die Unzufriedenheit mit der eigenen Lebensfülle hingegen enorm.

Auf Instagram folge ich der SZ und da gab es neulich ein Zitat aus einem Interview, ich weiß nicht mehr, mit wem. Das Zitat ging jedenfalls so: „Wenn ich immer alles aufschiebe, was ich schon immer mal machen wollte, dann bin ich irgendwann tot.“ Wie wahr. Allerdings: Bei dem Gedanken, nach der Arbeit noch eine neue Sprache zu lernen, wird mir ein bisschen schlecht. Was habe ich mir da jetzt wieder eingebrockt?!?

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