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Die Welt geht unter

Ich hüte zum zweiten Mal innerhalb von nur sechs Wochen mit einer lausigen Atemwegserkrankung das Bett und bin nun endgültig sicher: Die Welt geht unter. Nicht, weil ich schon wieder flach liege – obwohl mich das schon etwas aus der Bahn wirft, weil es ganz und gar nicht mein Style ist – sondern weil ich sehr viel Zeit habe, fernzusehen. Und mit fernsehen meine ich natürlich streamen, schließlich bin ich noch nicht vierzig. Und weil ich einen relativ hohen Anspruch an meine eigene Intelligenz habe, streame ich hin und wieder mal eine Dokumentation, aber seit ich daheim rumliege, ich unproduktives Stück, habe ich das mit den Dokus etwas übertrieben … glaube ich.

Ich war bisher immer so ein Typ vom Schlag der hoffnungslosen Optimisten, wahl-naiv und pathologisch zuversichtlich, ein süßer, etwas nerviger, selten ernst genommener Kontrapunkt zum stetigen Verdruss in unserer Welt. Ich meinte immer darauf hindeuten zu müssen, dass man, wenn man sich die Menschheitsgeschichte als Ganzes anschaut, schnell feststellt, dass stetig alles besser geworden ist: Arbeitsbedingungen, Rechts- und Sozialstaatlichkeit, Gleichberechtigung, Gesundheit und Lebensqualität – um nur einige Punkte zu nennen. Selbst als Donald Trump Präsident wurde, war ich noch optimistisch. Ich dachte, das sei eine logische Konsequenz positiven Wandels, der immer massive Rückschläge mit sich bringt, so ist der Mensch einfach gebaut.

Das ist wie mit guten Vorsätzen, bspw. dem Sport – erst startet man mit krassem Übereifer, weil man merkt, dass es so nicht weitergehen kann (Barack Obama), dann kommt der Breaking Point: Man sieht nicht sofort Ergebnisse, es ist irre anstrengend, man verliert jede Hoffnung, dass man sich jemals ändern wird und wirft desillusioniert das Handtuch (Trump). Nach einer Zeit des Selbstmitleids merkt man aber, dass es einem doch besser mit dem Sport ging und fängt wieder damit an – nicht sechs Mal die Woche wie so ein Vollidiot, sondern nur drei Mal, wie normale Menschen und auch nicht 5 Stunden pro Session, sondern eben nur 45 Minuten, wie es sich gehört. Dafür nimmt man aber noch weitere kleinere, weniger anstrengende Veränderungen in das Repertoire der Hoffnung auf: Man isst ein bisschen besser, man schläft ein bisschen länger und trinkt mehr Wasser; so Zeug eben. Nach dieser psychologisch fundierten Tiefenanalyse müsste als nächstes also wieder ein Obama her, weil – seien wir mal ehrlich – Obama war kein Training für den Iron Man, sondern schon die moderate Wahl. So zumindest meine Theorie und bisher bleibt ja auch noch offen, ob ich vielleicht Recht habe.

Leider haben mich die vielen Dokus aber mit der unschönen Selbsterkenntnis hinterlassen, dass ich meinen eigenen Tunnelblick gar nicht mit einkalkuliert habe. Naive Menschen sind ja auch vertrauensselig und ich stelle fest, dass das Ausmaß meines Vertrauens in die Politik bisher völlig unter meinem eigenen Radar geflogen ist. *facepalm*

Ich muss Politik allerdings durch Philantrophie ersetzen, weil von Politik habe ich keine Ahnung, aber ich glaubte bisher immer an das Gute im Menschen und ergo auch, dass die aus Menschen bestehende Politik in the long run immer gut entscheiden wird. Die Vergangenheit gibt mir ja auch noch recht.

Wenn es da nur nicht diese zwei schlechten Nachrichten gäbe: Erstens hat die Politik ja leider gar nichts zu melden und zweitens haben wir heute wesentlich weniger Zeit als „damals“. Damals konnten wir Jahrhunderte investieren, um Menschenrechte, Lebensbedingungen und sonstige Fragen der Gesellschaft wiederzukäuen. Heute bleiben uns wenige Jahrzehnte, um diese sehr alten Fragen endlich mal zu Ende zu denken (herrje) und um die drängenden Fragen der Gegenwart nachhaltig und verbindlich nicht nur theoretisch zu lösen, sondern auch ganz praktisch. Das ist durchaus doppelt scheiße. Denn die Lösung unserer globalen ökologischen, soziopolitischen und ökonomischen Krise setzt ein ebenso globales, solides Fundament voraus, das sich nicht immer noch in national unterschiedlicher Gradation damit beschäftigt, ob Frauen denselben Lohn verdienen wie Männer (geschweige denn, ob sie Auto fahren dürfen) oder ob es irgendjemanden etwas angeht, ob zwei Männer sich liebhaben dürfen. Das Schlachtfeld Geschlecht ist dabei nur ein einziger absurder Zeitfresser. Davon gibt es tausende. TAUSENDE! *mind blown* Bis hin zum Tempolimit auf deutschen Autobahnen sind der Absurdität unseres gesellschaftlich-politischen Diskurses wirklich, buchstäblich keine Grenzen gesetzt.

Die gute Nachricht? Tja, die gute Nachricht ist vielleicht, dass die Politik ja gar nichts zu melden hat. Da wir das ja schon wissen, neigen wir häufig dazu, der Wirtschaft den schwarzen Peter unterjubeln zu wollen: Die Wirtschaft entscheidet über Handelsabkommen und die Wirtschaft entscheidet über Wertschöpfungsketten. Die Wirtschaft entscheidet über Anbaugebiete in Niedriglohnländern und die Wirtschaft entscheidet über Produktionsbedingungen in diesen Ländern. Die Wirtschaft entscheidet, womit wir unseren Abendbrottisch decken und womit wir uns vor dem Essen die Hände waschen und nach dem Essen die Zähne putzen und mit welchem Mittelchen wir das nächtliche Sodbrennen behandeln.

An dieser Stelle reckt der Optimist in mir (aka die dumme Sau, die keinen Job hat und keine Rechnungen bezahlen muss) wieder langsam seine Glieder und wedelt gelangweilt mit dem erhobenen Zeigefinger. Er weiß nämlich, dass das Unsinn ist. Natürlich entscheidet nicht die Wirtschaft darüber, was ich mir in die Luke stopfe. Ich entscheide das. Ich entscheide, ob Palmöl wichtiger ist als der Regenwald und ich entscheide, ob das Tier auf meinem Teller ein eiterndes Häufchen Elend war. Ich entscheide einfach alles. Wenn die Welt untergeht, dann bin ich schuld daran. Ja, du auch, mach dir da mal keine Hoffnungen. Aber dich kann ich nicht beeinflussen, mich hingegen schon. Oder?

Und das scheint die schlechteste aller Nachrichten zu sein. Denn wenn ich es selbst kaum schaffe, unbequeme Entscheidungen zu treffen und Umwege in mein Konsumverhalten zu integrieren zu Gunsten eines übergeordneten Ideals bzw. als selbstverständliche Reaktion auf eine drängende Notwendigkeit, wie wird es dir dann wohl gehen? Ich nehme an, nicht besser. Müsste die Politik dann nicht bessere Entscheidungen für uns treffen, schließlich haben wir sie ja dafür gewählt: Als Hüter der Menschlichkeit und Moral und zur Schaffung einer besseren Welt für heute und für alle Tage. Hast du gerade nicht aufgepasst? Darüber sprachen wir doch eben. The institution you are calling is not available at present, please don’t try again later. Fool. Die Politik ist zu sehr damit beschäftigt, der Wirtschaft den Schwanz zu lutschen und wir sind zu sehr damit beschäftigt, unserer Verantwortung aus dem Weg zu gehen, weil – scheiße Mann! – life is hard enough as it is.

Und damit ist der Bogen auch schon zu Ende gespannt: Wir werden alle draufgehen.

 

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